Wildtiere, Waldbau und Waffentechnik: Diese Trimbacherin liess sich zur Jägerin ausbilden und ist nun die einzige im Revier Lostorf
Angela Gmür bildete sich eineinhalb Jahre zur Jägerin aus. Diesen Herbst steht sie vor ihrer ersten Treibjagd - in der Männerdomäne Jagd als einzige Jägerin des Reviers Lostorf.
Bereits färben sich die ersten Blätter, die Temperaturen sinken – der Herbst steht vor der Tür. Angela Gmür fiebert dieser Jahreszeit ganz besonders entgegen: Zum ersten Mal darf sie als Jägerin im Revier Lostorf an einer sogenannten lauten Jagd teilnehmen. Die Bezeichnung dieser Jagdform geht auf die eingesetzten Hunde zurück, deren anhaltendes Bellen das Rehwild in Bewegung versetzt und in Richtung der Jäger lenkt. Die laute Jagd, auch Treibjagd genannt, beginnt am 1. Oktober und endet am 15. Dezember.

Hinter der 26-jährigen Trimbacherin liegen eineinhalb Jahre intensive Jagdausbildung – meist ohne ein freies Wochenende. Bis zum ersehnten Jagddiplom galt es, ein breites Spektrum an Themen zu Lernen: Kenntnisse über Wildtiere, den Waldbau, Bäume und Pflanzen gehörten ebenso dazu wie Gesetzeskunde, Waffentechnik und das Schiessen.
Ein Jagdlehrling führt während dem Lehrgang ein Journal für die kantonale Jagdverwaltung, in dem alle praktischen Einsätze dokumentiert werden. Darin wird etwa festgehalten, wann eine Anwärterin bei der Rehkitzrettung half oder Ornithologen beim Vogelzählen unterstützte. «Diese Tätigkeiten sind wichtig und fördern ein gutes Einvernehmen mit Gruppen, mit denen man als Jägerin in Kontakt kommt», erklärt Gmür.

Zwei erfahrene Jäger – ihre sogenannten Jagdgöttis – begleiteten sie durch das sogenannte Hegejahr und standen ihr mit Rat und Erfahrung zur Seite. Den Abschluss der Ausbildung bilden eine theoretische und eine praktische Prüfung. «Zum Glück erfährt man das Resultat sofort – und muss nicht wochenlang warten wie bei der Lehrabschlussprüfung», erzählt Gmür. Sie bestand beide Prüfungen, auch wenn ihr das Schiessen auf bewegte Hasenattrappen anfangs Mühe bereitete: «Ich war zuerst sehr nervös. Doch beim zweiten Versuch fielen gleich alle vier nötigen Attrappen.»
Lerneifer für die «grüne Matur»
«Die «grüne Matur», wie wir Jäger die Jagdprüfung nennen, ist anspruchsvoll – aber mit genügend Lerneifer gut zu bewältigen», erklärt Christian Wüthrich. Der 63-Jährige ist Obmann des Hegerings Olten-Gösgen-Gäu. Der Hegering umfasst die 15 Jagdreviere dieser Region. Die Jägerinnen und Jäger sind jeweils Mitglieder eines Reviers und gehören einem Jagdgverein an, der das Jagdrecht in ihrem zugeteilten Gebiet ausüben darf.

Wer in die Jagd einsteigen will, beginnt als Jagdlehrling. «Wir achten sehr genau darauf, nur Personen aufzunehmen, die wir uns später auch als Pächterin oder Pächter vorstellen können», betont Wüthrich, der hauptberuflich als Kundenberater im Private Banking bei der Aargauischen Kantonalbank in Olten tätig ist. Am Nachwuchs fehlt es derzeit nicht: «Allein in diesem Jahr haben drei Jägerinnen und vier Jäger bei uns erfolgreich die Jagdprüfung bestanden!»
Auch ihr Bruder absolvierte die Jagdprüfung
Zur Jagd fand die gelernte Malerin Gmür über ihren Arbeitsplatz: «Ein Kollege meines Chefs suchte Treiber für eine Jagd. Treiber sind diejenigen, die – neben den Jagdhunden – rufend und mit Stöcken durchs Unterholz gehen, um das Wild aufzuscheuchen. Ich sagte spontan zu – und seither lässt mich die Jagd nicht mehr los!»
Gmürs mittlerer Bruder entschloss sich ebenfalls, die Jagdprüfung zu machen – unter einer Bedingung: «Er sagte, er würde es nur tun, wenn ich es auch durchziehe. Es ist etwas Besonderes, dass wir nun gemeinsam die Ausbildung erfolgreich abschliessen konnten.» Ihr erstes Reh, eine Rehgeiss, erlegte sie zusammen mit ihrem älteren Bruder, der bereits als Jäger im Revier Lostorf aktiv tätig ist.
Auch mit dem anschliessenden Aufbrechen – also dem Ausnehmen des erlegten Tiers, in der Jägersprache auch «rote Arbeit» genannt – kam Gmür gut zurecht. Als Schützin darf sie sich im Rahmen des sogenannten kleinen Jägerrechts bestimmte Teile wie Herz, Leber, Nieren und mögliche Trophäen aneignen. Das übrige Wildbret gehört der Jagdgesellschaft.
«Die Zeiten der Exzesse sind vorbei»
Im Revier Lostorf gab es bereits früher eine Jägerin – aktuell ist Angela Gmür jedoch die einzige. Doch in der einstigen Männerdomäne sind Jägerinnen zunehmend auf dem Vormarsch. «Immer mehr Frauen finden den Weg zur Jagd», beobachtet Christian Wüthrich. Und das habe auch spürbare Auswirkungen auf die Jagdkultur:
«Die Zeiten der Exzesse sind vorbei. Das Bild vom schiesswütigen, betrunkenen alten Mann mit der Flinte im Wald gehört schon sehr lange der Vergangenheit an.»Auch Angela Gmür sieht Veränderungen – besonders im Umgang miteinander: «Die Anwesenheit von Frauen wirkt mässigend, auch auf die Sprache. Es wird insgesamt achtsamer gesprochen, als wenn nur Männer unter sich sind.»
Wüthrich unterstreicht, dass Frauen in der Jagdgemeinschaft ausdrücklich willkommen sind: «Wir wollen eine vielfältige Jagd – Alt und Jung, Männer und Frauen. Die Jagd verbindet Generationen und Geschlechter.»
Zuerst Dauergast, später vielleicht Pächterin
Angela Gmür hat im Revier Lostorf zunächst den Antrag gestellt, als Gast beim örtlichen Jagdverein aufgenommen zu werden. Das bedeutet aber nicht, dass sie zeitnah auch den Antrag als Mitglied stellen wird. «Ich möchte zuerst praktische Erfahrung sammeln und das Revier sowie die Abläufe noch besser kennenlernen», erklärt sie.
Für die Jagdausbildung hatte sie eine Kugelbüchse gemietet und sich eine eigene Schrotflinte gekauft. «Die Kugelbüchse verwendet man in der Regel auf der Einzeljagd vom Hochsitz aus – also, wenn man allein unterwegs ist. Schrot kommt bei Gesellschaftsjagden zum Einsatz.»
Was ihr noch fehlt, ist ein eigener Jagdhund. «Das ist derzeit nur ein Wunsch. Im Moment fehlt mir schlicht die Zeit, um einen Hund angemessen zu führen.» Welcher Hund es später einmal sein soll, weiss sie noch nicht:
«Es gibt so viele schöne und tolle Jagdhunde – ob Dackel oder Weimaraner, ich würde mich ständig umentscheiden!»
Vorerst freut sich Gmür darauf, regelmässig Zeit in der Natur zu verbringen. «Man geht auch bei schlechtem Wetter in den Wald. Vielleicht zunächst etwas widerwillig – aber dann trifft man seine Jagdkameradinnen und -kameraden. Und am Abend sagt man sich: Es war doch ein richtig guter Tag!»
«All die Jahre störte sich niemand daran»: Plötzlich muss der Jagdverein Wartenfels um seine Brätelstelle bangen
Es wäre ein grosser Verlust für die Jäger: Ihrem Besammlungs- und Verpflegungsplatz droht wegen kantonaler Auflagen die Verkleinerung oder gar der Rückbau. Nun warten sie auf die Genehmigung eines überarbeiteten Baugesuchs.